Auszug aus der Chronik von Lehrer Erwin Weiß (1953) früher Unterkirchberg

 

Die Schreckensnacht von Unterkirchberg 24./25. April 1945

 

Um die Vorgänge begreifen zu können, müssen wir uns in die politische Lage der damaligen Zeit hineinversetzen. Im Jahre 1933 war in Deutschland die NSDAP (nationalsozialistische Arbeitspartei) zur Regierung gelangt. Dieser Regierungswechsel brachte seine Auswirkungen bis in die kleinste Gemeinde und griff selbst in das Privatleben jedes einzelnen Bürgers ein. Um die Weltanschauung dieser Partei, den Nationalsozialismus, jedem Deutschen einzuhämmern, saß in jedem Ort ein Ortsgruppenleiter. Zum Ortsgruppenleiter wurde bestimmt, wer möglichst bald zur Partei – es gab ja nur noch die eine – gegangen war und wer durch seine Haltung bewies, dass er ein fanatischer Nationalsozialist, ein getreuer Gefolgsmann des so heiß geliebten Adolf Hitler war. Der Ortsgruppenleiter besaß die größten Machtbefugnisse im Dorf und es war höchst gefährlich, wenn man ihm verdächtig vorkam. Seine Hauptaufgabe bestand darin, dass er für die Durchführung der Parteirichtlinien im Dorfe sorgte, von Zeit zu Zeit politische Reden hielt, die vielen Fest- und Gedenktage der Partei würdig gestaltete und schließlich sorgsam darüber wachte, dass keiner etwas unternahm oder auch nur sagte, was sich irgendwie nachteilig für die Partei hätte auswirken können.

 

Auch in Unterkirchberg saß mit Anton Nothelfer so ein Ortsgruppenleiter. Auch in Unterkirchberg schien man nationalsozialistisch geworden zu sein. Die Jugend sollte im neuen Geist erzogen werden. Man sang tüchtig Hitlerlieder und manche traten auch der Partei bei. Bei nationalen Gedenkfeiern trug man die braune Uniform und vor den Häusern wehten die Hakenkreuzbanner.

 

Im Herzen allerdings waren die meisten Unterkirchberger der NSDAP nicht gewogen. Die Partei war antireligiös und damit konnte sie den meisten Unterkirchbergern nicht genehm sein. Eine offene Auflehnung gegen die Partei wäre einer Selbstvernichtung gleichgekommen. Eine große Anzahl der Bürger befand sich in einer passiven Abwehrstellung. Der Nachbar konnte oftmals dem Nachbarn nicht mehr trauen, so dass das Misstrauen um sich griff. Jeder konnte heilfroh sein, wenn er ungeschoren seiner Arbeit nachgehen durfte.

 

Dieses Missverhältnis von Partei und Dorf sollte am Ende des II. Weltkrieges für Unterkirchberg ein entsetzliches Unglück herbeiführen, ein Unglück, dem alle Zeitgenossen fassungslos und erschüttert gegenüberstanden und das sich unauslöschlich in jede Seele eingegraben hat.

 

Man schrieb den April des Jahres 1945. In breiter Front drangen die französischen Armeen nach Süddeutschland vor, ohne noch nennenswerten Widerstand zu finden. Am 24. April standen die Amerikaner jenseits der Donau bei Einsingen. Die Donaubrücken und die Illerbrücke bei Wiblingen waren von der deutschen Wehrmacht gesprengt. Über Unterkirchberg kreuzten sich die Salven amerikanischer und deutscher Artillerie. Amerikanische Aufklärungsflugzeuge und Tiefflieger überwachten vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit jede Bewegung im Dorf und auf den Zufahrtsstraßen. Deutsches Militär zog regellos südwärts. Zermürbte, ermattete und zerlumpte Gestalten trotteten ziellos  weiter – ins Nichts. Es gab ja keine Rettung mehr. Der Feind nahte von allen Seiten, so dass ein Entkommen unmöglich war. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wenn die von West, Süd und Ost eindringenden feindlichen Armeen die eingekeilten deutschen Truppen gefangen nehmen würden.

 

An jenem 24. April saß man in Unterkirchberg im Ungewissen. Die meisten Leute hatten die Keller aufgesucht, um vor den Geschossen und Splittern geschützt zu sein. Bangen Herzens wartete man auf den Einmarsch der feindlichen Truppen. Was würde geschehen? Sollte nun auch die Heimat, nachdem man Väter und Söhne dem Vaterland geopfert hatte, noch eine Beute des Krieges werden?

 

Die amerikanischen Truppen überschritten die Donau und stießen an Unterkirchberg vorbei nach Oberkirchberg vor, so dass die deutschen Truppen im Donau-Iller-Dreieck eingeschlossen waren. Von der Höhe bei Buch erfolgte nun Beschuss durch amerikanische Panzer, weil ja noch deutsches Militär im Dorfe war. Einige Häuser im Zipfel wurden beschädigt, eine Zivilperson und zwei Soldaten wurden getötet. Die letzten deutschen Soldaten zogen sich über die Iller nach Bayern zurück. Den Übergang bewerkstelligten sie mit Jauchefässern. Feindliche Soldaten kamen erst nach Wochen als Besatzung hierher. Zu ihrer Ehre sei’s gesagt: Sie haben sich anständig benommen, von kleinen Ausschreitungen abgesehen, die sich einmal nicht vermeiden lassen, weil eben in jeder Armee einige Spitzbuben sind, die das Mein und Dein nicht so genau trennen.

 

 

Der Feind hatte im Dorf keinen nennenswerten Schaden zugefügt. Das Unglück kam aus den eigenen Reihen. Von der obersten Führung war der unsinnige Befehl ausgegeben worden, dass jedes Dorf und jedes Haus gegen den vordringenden Feind verteidigt werden müsse. Man hatte zu diesem Zweck den Volkssturm ins Leben gerufen, der sich aus allen noch in der Heimat verbliebenen Männern vom 16. – 70. Lebensjahr zusammensetzte. Die Bewaffnung war vollkommen unzureichend, die Ausbildung unzulänglich. Dass eine Verteidigung mit solchen Truppen und solchen Waffen zwecklos, ja geradezu wahnwitzig war, musste jeder normal denkende Mensch einsehen. Es war hinlänglich bekannt, dass der anrückende Feind den geringsten Widerstand durch riesige Mengen von Kriegsmaterial zunichte machte.

 

Der Ortsgruppenleiter von Unterkirchberg hatte gegen Abend des 24. April beschlossen, das Dorf nicht kampflos dem Feind zu überlassen. Zur Verteidigung standen 7 italienische Gewehre bereit, die nicht jeder Volkssturmmann bedienen konnte. Dieser Befehl zur Verteidigung drückte die Unterkirchberger schwer, war es doch von vornherein klar, dass dies die Zerstörung des Dorfes und die Vernichtung von Frauen und Kindern in einem sowieso verlorenen Kriege bedeuten würde. Deshalb ging eine Abordnung von Männern, größtenteils alte Soldaten des I. Weltkrieges zum Ortsgruppenleiter und versuchte, ihn von der Sinnlosigkeit seines Vorhabens zu überzeugen. Dieser beschimpfte sie als feige Hunde. Es sei hier noch beigefügt, dass in jenen Tagen jeder, der öffentlich am deutschen Sieg zweifelte, sein Leben riskierte. Ohne große Verhandlung wurden solche auf Anordnung des Parteigewaltigen oder des Standgerichts am nächsten Baum als abschreckendes Beispiel aufgehängt. Man pflegte ihnen ein Schild mit der Aufschrift: Ich bin ein Vaterlandsverräter um den Hals zu hängen. Es war der Abordnung wohl klar, dass alles von der augenblicklichen Gemütslage des Ortsgruppenleiters abhing. Sie hatten aber gehofft, dass man wenigstens vernünftig mit ihm reden könnte, zumal man einander ja so gut kannte. Letzten Endes sahen sie es als ihre Verpflichtung an, ihre Heimat nicht durch die Verblendung eines einzelnen dem Verderben preisgeben zu lassen. Ihre edle Absicht war durch eine entehrende Beleidigung beantwortet worden. Die Folge davon war ein Schlägerei, in deren Verlauf dem Ortsgruppenleiter übel zugesetzt wurde. Nun war es klar, dass unter allen Umständen verhindert werden musste, dass der Ortsgruppenleiter von seiner Macht Gebrauch machen konnte. Man war entschlossen, ihn im Ortsarrest so lange einzusperren, bis die Amerikaner im Dorfe eingetroffen waren. Unglücklicherweise fuhr ein deutscher Offizier vors Haus, ob Zufall oder Verrat, ist nicht ganz geklärt.

 

Einer der Beteiligten, der die gefährliche Lage sofort erfasste, sprang kurz entschlossen auf den Offizier zu, riss ihm seine Maschinenpistole weg und warf sie über die nächste Hecke. Der verdutzte Offizier verschwand auf dem schnellsten Wege. Nun wollte man den Ortsgruppenleiter in den Ortsarrest im Rathaus transportieren. Als man an der Molkerei ankam, stand schussbereites Militär da. Somit war der ganze Plan vereitelt. Es kam zu einer kurzen Schießerei. Ein Soldat wurde tödlich getroffen, ein anderer schwer verletzt. Nun stob alles in der anbrechenden Dunkelheit auseinander. Der Ortsgruppenleiter war wieder frei. Die Bevölkerung hatte von diesen Vorgängen größtenteils nichts bemerkt.

 

Wie es nun weiterging berichtet uns ein Augenzeuge, Schreinermeister Jakob Schrof:

 

Ich wollte gerade ins Bett gehen, da ertönte die Glocke des Gemeindedieners und folgende Bekanntmachung wurde verlesen: Alle Männer haben sofort beim Gasthaus zum Adler anzutreten. Wer nicht erscheint, wird mit dem Tode bestraft. Ich zog mich allmählich wieder an und begab mich auf die Straße. Ich konnte mir nicht vorstellen was eigentlich nachts um 11 Uhr noch so Wichtiges los sein sollte. Als ich zur Einmündung der Unterweiler Straße kam ertönte der Ruf: Hände hoch! Soldaten mit angelegtem Karabiner nehmen mich in Empfang und mit erhobenen Armen musste ich zum Adler marschieren. Ich war einer der letzten, der dort eintraf. Es stand bereits eine Doppelreihe vom Adler bis zum Haus von Josef Scharpf (Vesters Sepp). Offiziere mit Umhängemänteln schritten die Front auf und ab. Soldaten mit angelegtem Gewehr machten jedes Verschwinden unmöglich. Da ertönte das Kommando: Rechts um! ohne Tritt – marsch! Vor dem Haus des Ortsgruppenleiters wurde gehalten (Hausnummer 24). Dieser erschien mit verbundenem Kopf. Langsam schritt er die Front ab. Er packte den Adlerwirt Gerlach, den Schlosser Hermann, die Landwirte Karl Schlegel und Sebastian Schrof, den 17-jährigen Eugen Behr und den bei der Familie König auf Genesungsurlaub weilenden Soldaten Eugen Schnell am Rock und zog sie vor die Front. Diese 6 wurden abgeführt zum Platz am Triebwagen und wurden dort verhört.

 

 

 

Wir dachten, diese würden aufs Rathaus zur weiteren Untersuchung gebracht. 10 Minuten später krachten ein paar scharfe Schüsse durch die Nacht. In unseren Reihen wurde es totenstill. Wir ahnten das Ungeheuerliche, das geschehen war.

 

Da erschien der Ortsgruppenleiter wieder und erklärte, dass 5 oder 6 Mann erschossen worden seien, weil sie angegriffen hätten. Als weitere Vergeltungsmaßnahme würden noch einige Häuser angezündet. Löschen sei unter Todesstrafe verboten. Aus den angezündeten Häusern dürfe nichts gerettet werden. Die Nachbarhäuser könnten vor dem Übergreifen des Feuers geschützt werden. Wenige Minuten später brannten die Häuser von Hans und Karl König, Karl Mörsch’s Haus wollte nicht brennen. Da man Herrn Karl Mörsch strafen wollte, zündete man Hans Ruf’s Scheune an; man vermutete, dass er sich in der Scheune verborgen hielt und hoffte, ihn auf diese Art zu fangen. Weitere Häuser die vorgesehen waren blieben verschont, weil der Offizier, der die Anzünderei zu leiten hatte, die Namen vergessen hatte.

 

Das ganze Dorf war in heilloser Aufregung. Man hatte die Schüsse gehört; man sah die brennenden Häuser; man wartete schon zu lange auf die Männer. Es war schon längst Mitternacht vorbei. Niemand wusste etwas Genaues. Niemand konnte mit Sicherheit angeben, wer erschossen worden war.

 

Draußen vor dem Dorf, am Weg nach Oberkirchberg, unweit vom Haldenbeck, fand man 3 Erschossene, durch Genickschuss getötet und zwar den Adlerwirt Gerlach, den Schlosser Hermann und den jungen Behr. Wie sich später herausstellte, hatte sich Günther Schnell im Moment des todbringenden Schusses zu Boden fallen lassen. Die anderen beiden, zwei bejahrte Familienväter, die mehrere Söhne an der Front hatten und teils schon durch den Heldentod verloren hatten, fragten den vollziehenden Offizier ob das nun der Dank des Vaterlandes dafür sei, dass man seine Kinder geopfert habe. Dieser hieß sie wegtreten. So blieb ihnen das Schicksal der anderen 3 erspart, das diese ungerechterweise erleiden mussten.

 

Am anderen Morgen war der Ortsgruppenleiter Anton Nothelfer samt dem Militär verschwunden. Zurück blieb das Elend, das diese unheilvolle Nacht gebracht hatte. Was diese Nacht und die folgenden Tage für die Unterkirchberger bedeuteten, kann nicht in Worte gekleidet werden.

 

Die 3 Opfer dieses verbrecherischen Anschlags wurden zusammen mit dem durch Granatsplitter getöteten Georg Müller, der beim Futterholen ums Leben gekommen war, in einem gemeinsamen Grabe beigesetzt. Ein großes Kreuz mit je zwei kleinen Kreuzen auf der Seite ziert ihre letzte Ruhestätte. Es ist ein schlichtes Erinnerungszeichen an das furchtbar schwere Opfer das ihnen abgefordert wurde. Ein Opfer, das wir nicht verstehen können, das uns aber verpflichtet, ihrer stets ehrend zu gedenken.

 

Der Ortsgruppenleiter geriet in amerikanische Gefangenschaft und musste sich nach Kriegsende vor dem Gericht in Ulm verantworten. Wer die letzten  Kriegstage selbst miterlebt hat und dieses Chaos mitangesehen hat, wer den Fanatismus und die Pflichtauffassung jener Tage kannte, der weiß, wie schwierig es für das Gericht war, diese Tragödie im Lichte der Gerechtigkeit und nicht der Rache zu beurteilen. Es wird der Nachwelt nicht ohne weiteres verständlich sein wenn sie erfährt, dass die Schuldigen sich gar nicht bewusst waren, dass sie zum Mörder wurden, sondern dass sie glaubten, die Sicherheit des Vaterlandes erfordere diese Maßnahme. Persönliches Verantwortungsgefühl und objektiver Gerechtigkeitssinn waren bei fast allen Parteiführern der Hörigkeit auf die vorgesetzte Dienststelle gewichen. Befehle wurden einfach durchgeführt, weil unbedingter Gehorsam gegen die Führung oberster Parteigrundsatz war. Das Gewissen und der Verstand waren ausgeschaltet.

 

Volle Klarheit konnte auch dieser Prozess nicht schaffen. Der Ortsgruppenleiter erhielt eine Zuchthausstrafe von 8 Jahren. Da er krank ist, musste er die verhängte Strafe bis zum heutigen Tag nicht verbüßen. Nach Unterkirchberg ist er jedoch nicht mehr zurückgekehrt.